Haus mit gehobenem Dach

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Wilmerting

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Mitarbeit Bauleitung: Benjamin Neumeier, Tittling

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2019 - 2025

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Der Denkmalschutz sorgt als eigenes Biotop für Projekt-Geschichten, die eine hohe Relevanz für gegenwärtige Debatten und Initiativen besitzen.

So hatte die Besitzerfamilie ein historisches Bauernhaus nördlich von Passau bereits aufgegeben, nachdem mit der Großmutter die letzte Bewohnerin nach vielen Generationen das Haus verlassen hatte. Wassereintritt, Fäulnis und eine mangelhafte Gründung hatten dem Gebäude bereits stark zugesetzt. Die konsultierten (vermeintlichen) Experten erklärten es generell für nicht sanierbar und sorgten für Entmutigung.

Neue Hoffnung brachte erst die Leidenschaft der frisch eingeheirateten Schwiegertochter, gemeinsam mit der Unterstützung der Denkmalpflege.
Eine dendrochronologische Untersuchung datierte das Baujahr auf 1600/1601 – für die Region außergewöhnlich alt. Entsprechend wertvoll sind zahlreiche zeittypische Details, die zu einem guten Teil die lange Umbau-Geschichte (die zum Teil auch eine Zerstörungs-Geschichte war) des Hauses überstanden hatten. Trotz der Schäden war die räumliche Großzügigkeit und Nutzbarkeit erkennbar. Obergeschoss und Dachspitz waren noch nie bewohnt, sondern dienten ausschließlich der Lagerung der Ernte.

Baulich ergaben sich die größten Probleme aus zwei vergangenen Eingriffen. Um 1800 war (wie für Region und Typus häufig der Fall) ein Teil des Blockbaus im Erdgeschoss durch Mauerwerk ersetzt worden. Wegen der mangelhaften Fundamentierung setzte sich das Haus talseitig um rund einen halben Meter und stand entsprechend schief. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Dach angehoben, allerdings mit bescheidenen Mitteln, was eine fragile Konstruktion und weitere Verformungen und Schäden zur Folge hatte. Dieser Eingriff sollte aber als Teil der Baugeschichte erhalten bleiben.

Neben einem hohen Aufwand in der denkmalgerechten Sanierung von Raumfolgen, Bauteilen und Oberflächen bestand die größte Entwurfsentscheidung in der Einfügung mehrerer passgenauer Raumkörper in die bestehende Blockbau-Struktur. Diese erfüllen mehrere Aufgaben in einem: Sie steifen das Haus aus, bilden eine dichte und dämmende Hülle – auch und vor allem im Bereich des angehobenen Dachs – und übernehmen die Abtragung der Dachlasten, die statisch sonst nicht möglich gewesen wäre. Zugleich verbessern sie mit ihrer Geometrie und ihren hellen Oberflächen den Lichteinfall in die schwach belichteten Räume des Obergeschosses.

Die Restaurierung griff auf historische Techniken und Materialien zurück, die durch Erproben und das Aufspüren von Fachleuten wiedererschlossen wurden. Ein großer Beitrag an Eigenleistung aus Familie und Freundeskreis unterstützt diese Arbeitsweise. Selbst gemischte Lehmputze und -farben, Kasein-gebundene Kalk- und Ölanstriche, Kalkestriche, Schmiedearbeiten und mit Firnisbrand geschützte Metalloberflächen sind Beispiele für diese Arbeitsweise. Granit stammt aus der Umgebung, ein Großteil des Holzes aus dem eigenen Wald.

Mit der Zeit werden sich Alt und Neu durch Verfärbung und Gebrauch wieder zu einem Ganzen verbinden – und hoffentlich weiteren Generationen mit seinen Qualitäten ein Zuhause sein, bevor die Frage der Sanierbarkeit erneut gestellt werden wird. Die weiteren Gebäude der Hofanlage werden hoffentlich mit ähnlichem Einsatz ebenfalls noch saniert und genutzt werden.

Das Projekt zeigt prototypisch, was die Bauwende braucht. Mut und Engagement überwinden Skepsis gegenüber vermeintlich nicht sanierbaren Objekten. Wissen, Materialien und Techniken sind mit genügend Aufwand noch verfügbar, das Risiko des Scheiterns ist dadurch begrenzt. Gerade herausfordernde Projekte erzeugen Begeisterung bei den Beteiligten und Faszination bei den Beobachtenden (Handwerker*innen, Medien, politische Gremien, Nachbar*innen, etc.).
Voraussetzung dafür ist, dass bestehende Bausubstanz zunächst grundsätzlich vor dem Abbruch geschützt wird und echte Expertise verpflichtend einbezogen wird. Der Denkmalschutz beweist seit Jahren, dass diese Praxis nicht Ausnahme, sondern Alltag werden kann – und werden muss.

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Heritage conservation forms its own biotope of project stories—stories that carry urgent relevance for today’s architectural debates and initiatives.

This particular story began when a family abandoned their historic farmhouse north of Passau after the grandmother, the last in many generations to live there, moved out. Water infiltration, rot, and poor foundations had already caused severe damage. Consulted “experts” declared the building unsalvageable, leaving the family discouraged.

New hope came with the passion of a newly arrived daughter-in-law and the support of the heritage authority. Dendrochronological studies dated the construction to 1600/1601—exceptionally old for the region. Many characteristic details had survived centuries of alterations (and destructions), testifying to the building’s long and complex history. Despite the damage, the house’s spatial generosity and potential were still visible. The upper floor and attic had never been inhabited, serving only as storage for harvests and other goods.

The greatest challenges stemmed from past interventions. Around 1800, part of the log structure on the ground floor had been replaced with masonry—a common practice in the area at the time. Without proper foundations, the house subsided nearly half a meter downhill, leaving it visibly tilted. In the mid-20th century, the roof had been raised, though executed with modest means, and structurally insufficient. The fragile construction led to further deformations and damage. Yet this intervention, as part of the building’s history, was to be preserved.

The key design move consisted of inserting several precisely fitted room-sized volumes into the existing log structure. These elements served multiple purposes: bracing the house, forming an insulated shell—especially in the raised roof area—and carrying the roof loads that the historic structure could no longer support. At the same time, their geometry and bright surfaces improved daylight in the otherwise dim upper floor.

The restoration relied on traditional techniques and materials, rediscovered through experimentation and the expertise of craftspeople with historic knowledge. Family and friends contributed significantly through hands-on work: mixing clay plasters and paints, applying casein-bound lime and oil finishes, laying lime screeds, forging iron details, or protecting metal with firnis-burn treatments. Granite came from local quarries, and much of the timber from the family’s own forest.

Over time, old and new will merge through patina and use, offering a home to future generations—until the question of repair arises again. The remaining buildings of the farmstead will hopefully be restored and reused with similar dedication.

The project stands as a prototype of what the transition in building practice requires. Courage and commitment can overcome skepticism about supposedly “unsalvageable” buildings. Knowledge, materials, and techniques are still available, and with effort, the risks remain manageable. Challenging projects generate enthusiasm among participants and fascination among observers—craftspeople, neighbors, institutions alike.
The essential condition: Existing structures must first be protected from demolition, and genuine expertise must be made integral. Heritage conservation has long demonstrated that such practices can—and must—become the norm.

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Aufmaß und Vorprojekt: Norbert Paukner, Passau
Denkmalpflege: Dr. Thomas Kupferschmied (BLfD) & Alois Spieleder (Landratsamt Passau)
Tragwerk: Büro Bergmann, Pfaffenhofen
Energie/Bauphysik: Ingenieurbüro Hausladen, Kirchheim
Beratung Restaurierung & Baustoffe: Franz Kaltenecker, Hutthurm
Energieberatung: Manuel Breu, Schönau
Schädlingsgutachten: Susann Gürtler, Plauen

Fotografie: Simon Burko